Ablass – Gottes Hilfe geht weiter in der Gemeinschaft der Kirche

Es soll hier nicht eingegangen werden auf die schmerzliche geschichtliche Situation, die durch den Ablass-Handel der Kirche viel Leid und die Kirchentrennung gebracht hat.

Auch heute gibt es die Versuchung, dass ich lieber ein paar Euro zahle, als dass ich mein Leben ändere. Damals wie heute möchten die Menschen Hilfe in ihrem leidvollen Schicksal. Sie möchten es von anderen abgenommen, abgelassen wissen. Handgreiflich soll es werden durch irgendeine Handlung, Segnung, durch Abbeten.

Beim richtig verstandenen Ablass geht es nicht an den Geldbeutel, sondern ans Leben.

 

Wie ist das gemeint?

Jedes Denken und Handeln, das Gute, das Schuldhafte, hat eine Folge im privaten und darüber hinaus im gesellschaftlichen Sinn. Es prägt das eigene und das Leben anderer, es macht Geschichte.

Wenn z. B. ein Katholik im Kaufhaus etwas mitgehen lässt, schadet er der Firma und rückt die Kirche in ein schlechtes Licht. In einer Umfrage konnte man z. B. lesen: „Katholiken klauen mehr als andere“.

Wenn nun ein Christ Schuld einsieht, bereut und beichtet, wird ihm sein Handeln vergeben: das Stehlen, das zu schnelle Fahren, die üble Nachrede, der Neid auf die Nachbarn, der Ehestreit.

Es bleiben die Folgen, die er selbst, oft aber auch andere zu tragen haben: der Krankenhaus-aufenthalt eines Unschuldigen, ein Gerücht, das kühle Verhältnis in der Nachbarschaft, die Scheidungskinder. Man denke etwa auch an die Schäden in der Ökologie.

Wer im Leben steht, macht Fehler. Durch ein besseres Verhalten oder durch tatkräftige Liebe kann man viel gut machen. Das Rad der Geschichte dreht sich weiter, es zeigen sich enorme Auswirkungen. „Ich kann’s nicht ändern. Ich komme mir g’straft vor“, so sagt man bei uns in Schwaben und meint einen unguten Zustand, eine Lebens-Blockade.

Diesen „Zustand danach“ meint die Kirche, wenn sie von Sünden-Strafe spricht. Der Mensch kommt durch sein sündhaftes Tun selbst in den Zustand des G’straft-Seins.

Beim Einzelnen sind es schlechte Gewohnheiten, Abhängigkeiten, innere Anspannung, Isolierung und Vereinsamung, ständiges Beleidigt-Sein, Schwermut, Hoffnungslosigkeit, Zorn und Wut, Blockaden, Neid, Missgunst, Eifersucht u. a.; Altlasten gibt es aber auch in Gruppen und ganzen Völkern.

 

Wohin dann?

Zum Hausarzt, Heilpraktiker, zum Psychotherapeuten, zum Geist-heiler? Wer kann mir Erleichterung schenken? Wer kann den Druck ablassen? Friedensverhandlungen, Klimakonferenzen?

Es muss für Gott schwer sein, wenn er zusehen muss, wie Menschen so denken und handeln, dass sie g’straft sind. Mancher beschuldigt sogar Gott, dass er das zulasse, und sieht ihn als strafenden Gott.

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn schildert Jesus Gott als leidenden, Freiheit schenkenden Vater. Der Sohn findet sich ja am Ende seines Sich-Auslebens „g’straft“ im Schweinestall. Leider! Erst dieser Zustand bewirkt in ihm Umdenken und Umkehr. Wir fragen für unsere Zeit: „Was muss bei uns noch alles geschehen, dass die Menschheit dahin kommt?“

Jesus sagt im Gleichnis vom barmherzigen Vater, dass Gott dem Umkehrer entgegen kommt. In seiner Umarmung lässt er vom Sohn jeden Druck ab. Der Sohn möchte es wieder gut machen und bietet sich als Tagelöhner an. Doch der Vater sieht in ihm sein eigentliches Wesen, das Sohn-Sein. Und in diesem Ablass lässt er ihn werden, was er von Anfang an ist:
Sohn des Vaters.

Der Ablass ist also ein Vorgang zum Echtsein, zum Menschsein.

Gott möchte nicht nur unsere Sünden vergeben, sondern uns in der Bewältigung von deren Folgen zum Reifen helfen.

Deshalb empfehle ich als Seelsorger das Ablassgebet, das einen Reifungs-Prozess einleitet.
Ich habe darin schon wunderbare Erfahrungen machen dürfen in der Lebensgeschichte einzelner Rat-Suchender und auch in der Aufarbeitung der Geschichte einer Kommune.

 

Was kann ein Christ tun?

Um einen Ablass zu „gewinnen“ gibt die Kirche verschiedene Schritte vor. Sie sind vom bisher Gesagten aus logisch und verständlich:

  1. In der Beichte kehrt der Mensch um.
    Er versöhnt sich mit Gott und den Menschen, vertreten durch den Priester.
  2. Im Glaubensbekenntnis spricht er die Hinwendung zu Gott aus.
  3. Im Kommunionempfang lässt er sich von Gott ergreifen. Die Einheit mit Gott und den Menschen wird vollzogen. Es entsteht der Leib Christi, die Kirche.
  4. In Werken der Liebe zu Gott und den Menschen gibt er Zeugnis für Christus.

 

Wirkungen

Dem Christen wird der so genannte „Gnaden-Schatz“ der Kirche geschenkt: Die Erlösungstat von Jesus, was Generationen erbetet, miterlösend gelitten bzw. Gutes getan haben, wird heilend in Fluss gebracht.

Der Glaube stellt sich wieder ein. Vertrauen in einen personalen Gott wird möglich. Hoffnung und Lebensmut kommen auf. Der Blickwinkel wird größer. Verständnis, Verzeihen und Versöhnung werden möglich. Neue Ideen entstehen. Der Einzelne nimmt sein Leben in die Hand. Selbst Leid kann Sinn bekommen. Im Miteinander einer Stadt spürt man eine gewisse Leichtigkeit; Frohsinn nimmt zu.

Ein Beispiel: Jemand erzählte, dass er jedes Jahr mit der Krankenwallfahrt nach Lourdes fährt. Ein Zug mit 400 Kranken. Beim Hinweg sei es für die Helfer ein Stress. Die Kranken jammern, brauchen viel Zuwendung, alles tut ihnen weh. „Keiner kümmert sich um mich; ich kann nicht mehr; hilf mir!“

Beim Rückweg sei der Zug wie umgewandelt, ein großer Friede. Dabei sind in Lourdes keine spektakulären Wunder geschehen. Die Tragbahren und Rollstühle fahren mit zurück. Der Friede ist da. Druck ist abgelassen. Zuversicht und Hoffnung unter den Kranken, die sagen können: „Ich pack’s wieder an.“

Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit möge uns eine fruchtbare Vertiefung in die Gnadenschätze Gottes und der Kirche schenken, damit Gottes Hilfe in der Gemeinschaft der Kirche für unsere heillose Welt weitergeht, damit Friede möglich wird.