Beichte als Versöhnungs- und Heilungsweg – Gedanken eines Seelsorgers

An der Pfarrhaustür klingelte ein mir unbekannter Mann und sagte, dass der Hausarzt ihn zum Beichten schicke. Er habe den ärztlichen Rat befolgt, wisse aber nicht wie das gehen soll.

Da kann man helfen. In der Regel blicke ich im Gespräch mit Ratsuchenden in vier Richtungen: die Beziehung zu Gott, zu den Mitmenschen, zur Schöpfung Gottes und zu mir selbst. Wer im Nachdenken diese Bereiche prüft, stellt vielleicht fest, dass er zunächst wenig zum Beichten findet. Beim genaueren Hinsehen können sich tiefere Erkenntnisse ergeben: Man findet sich eingebunden in eigene und gesellschaftliche Defizite oder gar Blockaden, die ein gelingendes Annehmen seiner selbst oder auch der Mitmenschen verhindern. Damit verbunden ist auch die persönliche Beziehung zu Gott.

Die Beichte, das Sakrament der Buße ist eine handgreifliche Hilfe Gottes, diese Defizite und Blockaden nicht nur zu überwinden, sondern sogar heilsam zu wandeln.

Wie sag ich’s?

Bei Jung und Alt bildet ein einfacher, so genannter Beicht-Spiegel eine Hilfe. Er erfüllt seine Funktion zunächst als Formulierungshilfe. Ich glaube, das mancher nicht zur Beichte geht, weil er nicht weiß, wie er sich ausdrücken soll. Wichtig ist, die Schuld, das Problem beim Namen zu nennen. Gott braucht keine weiteren Erklärungen.

Ich“ sagen lernen

In der Vorbereitung auf die Feier der Erstbeichte werde ich manchmal gefragt, ob die Beichte für ein Kind in der dritten Grundschulklasse nicht etwa eine Überforderung darstelle. Meine Erfahrung als Seelsorger ist, dass auch einem jungen Menschen ein Übungsfeld hilft, in dem er sagen lernt: „Ich habe…“. Die Neigung, Schuld immer bei einem oder bei etwas anderem zu suchen, ist nicht nur weit verbreitet, sondern zutiefst menschlich. Dass damit keine Ent-Schuldigung geschieht, sondern ein Hin- und Hergeschiebe, letztlich ein Durcheinander statt Gerechtigkeit, liegt auf der Hand.

Gewohnheit und Not-wendigkeit

Hilfreich ist, wenn die Erstbeichte zur Schulbeichte wird. Bei uns suchen viele Schüler etwa zweimal im Jahr das Gespräch. Dabei sind ältere Priester bevorzugt, weil sie eine Art „Opa-Funktion“ übernehmen, eine Person mit viel Lebensweisheit. Beichten wird zur Gewohnheit, wie wenn man öfter zum Zahnarzt geht.

Manch anderer braucht vielleicht das Zahnweh, um zu erfahren, dass er einen Schritt machen muss. Not lehrt beten. Viele, die in diesem Zusammenhang das Beicht-Gespräch gesucht haben, haben den tiefen therapeutischen Wert der Beichte entdeckt und sind Zeugen, die erzählen können, wie heilsam dieses Sakrament ist, wenn Schuldbelastung genommen wird.

Wirkungen über die Beichte hinaus

Es gibt Schüler die zwar zur Beichte gehen und bezeugen, dass es Ihnen gut tut. Trotzdem finden sie nicht den Weg in den Sonntagsgottesdienst, wie manche erwarten würden. Die Beichte selbst ist für sie eine wichtige und heilende Gottes-Erfahrung, die dem Schüler in sich genügt.

Die Erfahrung geht jedoch über das Beichtgeschehen hinaus, denn die Wirkung zeigt sich auch im Umfeld: in der Familie, in Ordnungsprozessen, die einsetzen und auch nur erklärbar sind, weil hier ein „Arbeiten“ zu zweit geschieht: Mensch und Gott.

Nicht vergessen werden darf, dass der Priester als Mensch den Mitmenschen oder auch die Gesellschaft vertritt. Ich kann einfach nicht jeden einzelnen um Vergebung bitten, aber einen Vertreter. Da zeigt sich erst die viel weitere soziale Heilungsdimension der Beichte.

Volkstherapie Gottes

Ich mache als Seelsorger beim Spenden der sakramentalen Absolution die Erfahrung, dass dieses göttliche Geschehen jenseits der Ordnungs- und Wahrheitsfähigkeit von Seiten des Beichtenden wie auch des Seelsorgers liegt. Hier wird in der Tiefe des Menschen von Gott aus eine Art Volkstherapie angeboten, die niederschwellig und kostenlos ist. Wer aber öfter beichtet, macht die Erfahrung, dass Beichten doch etwas kostet, nämlich die Lebensöffnung und Hingabe an Gott.

Die Kombination macht’s

Mir gefällt besonders die Kombination mit Arzt, Psychotherapeut und anderen therapeutischen Wegen. So habe ich zeitweilig mit acht Therapeuten zusammengearbeitet. Sie haben zu uns Priestern Patienten vor einer Medikation oder Operation zum Beichten geschickt. Die Feststellung war, dass jemand, der einen Versöhnungsweg zumindest angefangen hat, auch einen guten körperlichen Heilungsweg geht.

Das Geschehen der Beichte rät mit Nachdruck zur Lebensordnung, wobei ich auf die Hilfe Gottes vertrauen kann. Manche Verhärtungen sind der Art, dass sie auch nur mit göttlicher Zugabe zunächst ertragen, dann angenommen und schließlich gelöst werden können. Sie brauchen aber auch die fachkompetente Hilfe und Begleitung.

Begleitung hin zur Lebensordnung kann auch eine geistliche Gemeinschaft oder etwa ein Bibelkreis übernehmen. In dem Fall ist die Begleitung wie ein Spiegel von Außen, der dem Einzelnen hilft, sich selbst richtig einzuschätzen und sein Leben zu deuten.