Werke der Barmherzigkeit

 

Die geistlichen Werke der Barmherzigkeit

  • Die Unwissenden lehren
  • Den Zweiflern raten
  • Die Trauernden trösten
  • Die Sünder zur Umkehr ermutigen
  • Denen, die uns beleidigen, verzeihen
  • Die Lästigen ertragen
  • Für alle Menschen beten

 

Die leiblichen Werke der Barmherzigkeit

  • Die Hungernden speisen
  • Den Durstigen zu trinken geben
  • Den Nackten bekleiden
  • Die Fremden beherbergen
  • Die Kranken pflegen
  • Die Gefangenen besuchen
  • Die Toten in Würde bestatten

 

Werke der Barmherzigkeit

Der Glaube drückt sich im Gebet und im Gottesdienst aus. Aber nicht nur darin. Er muss auch in der tätigen Nächstenliebe wirksam werden, um echt und fruchtbar zu sein. Nicht nur im Gottesdienst, sondern auch im selbstlosen Liebesdienst an den Brüdern und Schwestern bringen wir unseren Glauben zum Ausdruck und erweisen wir Gott die Ehre, die ihm gebührt. Paulus sagt deshalb im Galaterbrief, dass es darauf ankommt, „den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist“ (Gal 5,6).

Ohne Werke der Liebe ist der Glaube tot, wie es auch im Jakobusbrief heißt: “Du hast Glauben und ich kann Werke vorweisen; zeig mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir meinen Glauben aufgrund der Werke. Willst du also einsehen, du unvernünftiger Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist?” (Jak 2,18.20)

Das Erste, was wir uns also klarzumachen haben, ist, dass die Werke der Barmherzigkeit nicht irgendwie ein Anhängsel an unseren Glauben sind, auf die wir auch verzichten könnten. Sie sind vielmehr Ausdruck und Prüfstein unseres Glaubens. Nur wenn wir sie aus der Kraft des Heiligen Geistes in Freude vollbringen und praktizieren, können wir Gott wohlgefällig leben und unserer Berufung entsprechen.

Die Bibel lehrt uns, an einen Gott zu glauben, der in seiner Liebe so weit geht, sich die Bedürfnisse und Nöte seiner Geschöpfe zu eigen zu machen: „…habt ihr mir getan.“ Ein Gott also, der das Elend sieht, das Leid kennt und der in seinem Sohn Jesus Christus herabsteigt um mitten in diesen Nöten uns nahe zu sein.

 

Biblische Grundlagen

Jesus selbst hat uns durch Sein Leben und durch die Frohe Botschaft die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters vor Augen gestellt.
Ja, er, – seine Hingabe am Kreuz – ist das Werk der Barmherzigkeit schlechthin!

Dann denken wir besonders an das Gleichnis vom verlorenen Sohn und vom Barmherzigen Vater (Lk 15). Uns allen gibt der Herr den Auftrag: “Seid barmherzig, wie es auch Euer Vater ist” (Lk 6,36).

Gott ist ganz Heiligkeit, ganz Gerechtigkeit, ganz Barmherzigkeit. Das Herz Gottes ist in sich vollkommen, aber doch vom Elend der Menschen angerührt, und Er kommt ihnen in Jesus Christus zu Hilfe. So sollen auch wir uns anrühren lassen von den Nöten der Menschen und Barmherzigkeit üben. Im Üben der Barmherzigkeit werden wir in besonderer Weise gottähnlich und können füreinander “Abglanz der Liebe Gottes sein”.

Weil Gott barmherzig ist, darum müssen auch wir barmherzig sein. Zudem sagt uns Jesus in der Bergpredigt, dass wir selber in dem Maße die Barmherzigkeit Gottes erfahren und glücklich sein werden, in dem wir selbst bereit sind, Barmherzigkeit zu üben: “Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden”(Mt 5,7).

Die zweifache Siebenzahl der leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit hat sich im Leben der Kirche herausgebildet als Ausdruck eines Lebens aus der barmherzigen Liebe des Herzens Jesu, eines Lebens, das die vom Herrn empfangene Liebe an die Mitmenschen weitergibt. Sie sind konkrete Beispiele, wie wir auf die Nöte der Menschen antworten können.

Sie sind nicht ausschließlich zu verstehen, nicht also so, dass sich unser ganzes Tun der Nächstenliebe auf die ausdrücklich genannten Werke der Barmherzigkeit reduzieren ließe. Man könnte die insgesamt 14 Werke der Barmherzigkeit auch erweitern und ergänzen. Doch weil die Sieben als geheiligte Zahl galt, hat man sich mit der Aufzählung von zweimal sieben Werken der Barmherzigkeit begnügt. Sie zeigen, welche Werke dem Geist Christi besonders angemessen sind und wie wir auch heutzutage gewissen immer wiederkehrenden Leiden und Bedürfnissen der Menschen Abhilfe verschaffen können.

 

Katechismus

So sagt auch der Katechismus der Katholischen Kirche in der Nr. 2447 über die Werke der Barmherzigkeit:
„Die Werke der Barmherzigkeit sind Liebestaten, durch die wir unserem Nächsten in seinen leiblichen und geistigen Bedürfnissen zu Hilfe kommen [Vgl. Jes 58,6-7; Hebr 13,3]. Belehren, raten, trösten, ermutigen sowie vergeben und geduldig ertragen sind geistliche Werke der Barmherzigkeit. Leibliche Werke der Barmherzigkeit sind vor allem: die Hungrigen speisen, Obdachlose beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke und Gefangene besuchen und Tote begraben [Vgl. Mt 25,31-46]. Unter diesen Werken ist das Almosenspenden an Arme [Vgl. Tob 4,5-IL Sir 17,22] eines der Hauptzeugnisse der Bruderliebe; es ist auch eine Gott wohlgefällige Tat der Gerechtigkeit [Vgl. Mt 6,2-4]: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso” (Lk 3,11).

 

Prof. Dr. Gerda Riedl, Leiterin der Hauptabteilung Glaube und Lehre – Hochschule – Gottesdienst und Liturgie des Bischöflichen Ordinariates Augsburg, schreibt zu den Werken der Barmherzigkeit:

Werke der Barmherzigkeit … schon mal gehört? – Keine Ahnung? – Klingt irgendwie altmodisch, oder?

Bereits das erste Wort lässt einen stutzen: „Werk“, – das Produkt eines kreativen Prozesses oder einfach eine Handlung oder Tat? Irgendwie verbindet man damit assoziativ Anstrengung und Konzentration, keine Sache, die man en passant erledigt.

Und dann „Barmherzigkeit“: Ausdruck einer paternalistischen Grundhaltung, wie bisweilen zu lesen ist? – Also kein Kontakt auf Augenhöhe, sondern ein Gefälle zwischen demjenigen, der die Not lindert oder gar wendet und dem Bedürftigen! Überhebt sich derjenige, der ein Werk der Barmherzigkeit übt, womöglich selbstgefällig über den Bedürftigen? Nein, die „Werke der Barmherzigkeit“ sind – recht verstanden – mitnichten Ausdruck einer  (selbsternannten) christlichen Elite, die in oberlehrerhafter Manier dem Rest etwas zukommen lässt, um sich selbst in ihrem Gut-Menschentum zu bestätigen. – Ganz im Gegenteil!

Barmherzigkeit zu üben, heißt zunächst sie auch empfangen zu haben

Barmherzigkeit zu üben, heißt zunächst sie auch empfangen zu haben, sich die eigene Bedürftigkeit einzugestehen: Gott hat sich uns in Gestalt des Sohnes zugewandt, unsere dunkelsten Stunden auf sich genommen und uns ein Leben in Fülle über die scheinbar unüberwindliche Grenze des Todes hinaus verheißen. – In Jesus Christus hat die Barmherzigkeit Gottes ein Gesicht bekommen: Das Erbarmen des Vaters ist die uns Menschen zugewandte Seite Gottes. So kann sich unübertroffen personale Begegnung zwischen Gott und Mensch ereignen, da Jesus Christus das vollkommene Ebenbild des unsichtbaren Gottes ist (vgl. Kol 1,15).

Wer sich in diesem Bewusstsein vom dreieinen Gott getragen weiß und auf sein Leben und das der Anderen schaut, wird Dank empfinden und das Bedürfnis ein wenig von dieser geschenkten Barmherzigkeit Gottes weiterzugeben. Um dabei jedoch nicht in den Reflex zu verfallen, den wir aus dem Evangelium kennen, mit sich selbst großzügig, mit den Anderen aber sehr kleinlich umzugehen (vgl. Mt 18,23-35), bedarf es immer wieder dreierlei: Treten wir ein in die Sphäre Gottes und lassen uns heiligen; öffnen wir uns der entgegenkommenden Liebe Gottes und lassen uns mit ihm versöhnen; freuen wir uns und lassen uns von ihm reich beschenken.

Barmherzigkeit ist die Konsequenz von Güte, Nähe und Selbstlosigkeit

So bleiben die „Werke der Barmherzigkeit“ davor bewahrt Ausfluss einer Pflichtübung oder falsch verstandener Leistungsethik zu werden. Sie stehen auch nicht in Gefahr im Sinne einer von den Reformatoren zu Recht kritisierten Werkgerechtigkeit zu verkommen. Vielmehr werden sie solchermaßen zur Konsequenz aus drei zutiefst christlich durchdrungenen Grundhaltungen: Güte, Nähe und Selbstlosigkeit.

Wer vor diesem Hintergrund die sieben leiblichen und die sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit in seinem Innern bewegt, wird verstehen, was der Evangelist Matthäus meinte, als er schrieb: „Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden … So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5,7.16).

(Erschienen auf credo-online.de)

 

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